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Heute ist der: 24.07.2017.
 

Im Blickpunkt: Menschliche Tragödien

Es beginnt ganz heimelig. Fritz Dellwo bricht von seiner Geliebten auf, weil die Pflicht ruft, und kurze Zeit später treffen sich zwei Einkaufswägen, die von ihm und seiner Kollegin Charlotte Sänger gesteuert werden. Die beiden Kommissare haben in dem komplexen Fall, der sie schließlich beschäftigt, mit menschlichen Tragödien zu tun, welche bis zur Aufklärung der Hintergründe Unruhe im Betrachter des Geschehens auslösen mögen.

Mechthild Stemmler und Anne Zimmer-Haustein, Bild: HR

Ein Tyrann unter Verdacht

Eine Frau bricht während der Lebensmittelausgabe für Bedürftige zusammen und ist kurze Zeit später tot. Mechthild Stemmler war ehrenamtlich für die Mittagstafel tätig, und alleinerziehende Mutter von drei Kindern, die auf ihre Ermordung auf unterschiedlichste Weise reagieren, wovon sich Charlotte Sänger überzeugen muss. Schnell wird der Ex-Mann der Getöteten verdächtigt, etwas mit ihrem Ableben zu tun zu haben. Hierbei tritt etwas ans Licht, was sich in sämtlichen Haupt- und Nebensträngen der Geschichte widerspiegelt: Die tragische Seite des Lebens, dunkle Seiten, Trauer, Verzweiflung, Verletzungen, Liebe, die in Hass umschlägt. Mechthild Stemmler wurde von ihrem Ex-Mann jahrelang verprügelt, und der sich nun lammfromm gebende Tyrann gibt jeden nur erdenklichen Anlass, unter Mordverdacht zu geraten.

Anne Zimmer-Haustein, Bild: HR

Schicksale von Frauen prägen das Bild

Doch ist die Mittagstafel keineswegs aus den Ermittlungen ausgespart. Die dort stattfindenden Beziehungsgeflechte konterkarieren mit einer schrecklichen Schuld, deren Leidtragende lange Zeit im Unklaren bleibt. Es sind insbesondere Frauen, die diesen Fall bestimmen. Frauen, deren Lebenswege untrennbar miteinander verbunden sind, und deren Schicksale eine Wahrheit ans Licht bringen, die insbesondere von Männern gerne übersehen wird.

Ein Film sprengt Grenzen

Für Frauen sind Verluste viel schwerer zu ertragen, weil sie sich nicht ausschließlich oder mehrheitlich über die Erwerbsarbeit identifizieren, wie dies vorwiegend Männer tun. Es muss schon mehr passieren als der bloße Verlust des Arbeitsplatzes, um Verzweiflung hervorzurufen. Die Schrecknisse sind so übermächtig, dass das Schicksal der Hauptprotagonistinnen Tiefen offenbart, die weit über das hinausgehen, was ein Film darzustellen vermag.

Dellwo und Sänger ermitteln, Bild: HR

Versteckte Armut

Als ob das alles nicht mehr als genug wäre, um die Umlaufbahn einer Geschichte zu erklären zu versuchen, ist es ein weiterer Faktor, der ein wesentlicher Bestandteil der inneren Dramatik des Geschehens ist, und unmöglich verschwiegen werden darf: Versteckte Armut.

Es ist nicht allein die Tragödie einer ehrenamtlich tätigen Frau, die sich vom System nicht unterkriegen lassen wollte, und mit nur wenig Geld auskommen musste, bis sie einem Mordanschlag zum Opfer fiel. Die Armut dieser Frau wird gar nicht ausgesprochen, weil sie offensichtlich ist.

Mitten unter uns leben zahlreiche Menschen, von denen wir gar nicht glauben mögen, dass sie eine Mittagstafel notwendig haben. Doch die Unbarmherzigkeit einer Arbeitsgesellschaft, die immer mehr Opfer verlangt, treibt Menschen in Situationen, die sie unmöglich hätten voraussehen können.

Vom Schicksal einer Frau

Was Mechthild Stemmler auszeichnete, war ihr Prinzip, sich ihr Leben nicht nur von ihrem Schicksal diktieren zu lassen. Sie fand den Mut, sich von ihrem gewalttätigen "Ehemann" scheiden zu lassen, und von vorne zu beginnen; so schwierig sich das auch herausstellte. Dieser von Selbstreflexion weit entfernte Mann war nicht bereit, sie ökonomisch zu unterstützen, wodurch sich die Armut von Frau Stemmler verstärkte.

Jochen Bender und Regina Schottmüller, Bild: HR

Die Arbeitsgesellschaft im Fokus

Die Prinzipien der Arbeitsgesellschaft verdeutlichen sich noch an einigen anderen Stellen, auf die an dieser Stelle nicht eingegangen werden soll. Der Zuschauer soll sich selbst ein Urteil darüber bilden, wie die Dinge zusammenhängen. Jedenfalls ist es ein erstaunlicher Kunstgriff, Armut, und die bedenklichen Auswirkungen der Arbeitsgesellschaft nicht bloß zu thematisieren, sondern vielmehr zu fokussieren.

Retinopathia pigmentosa

Frauen sind der Anfang und das Ende der Geschichte. Frauen, welche sich in einer Welt behaupten müssen, die immer kälter wird. Eine Frau, die an der unheilbaren Augenkrankheit Retinopathia pigmentosa laboriert, die zur Folge hat, dass sich das Gesichtsfeld immer mehr verengt (Tunnelblick), und schließlich zur Erblindung führt, komplettiert den Reigen von Frauen, deren Schicksalsschläge miteinander verbunden sind.

Jochen Bender, Bild: HR

Ein ausgezeichnetes Ensemble

Dem ausgezeichneten Drehbuch ist zu verdanken, dass es auch komische Momente gibt, die das tragische Geschehen auflockern. Schauspielerisch agieren die Protagonistinnen ausgezeichnet bis sehr gut. Besonders hervorzuheben sind natürlich Iris Böhm, Ina Weisse und Kirsten Block. Ja, und am Schluss kommt doch noch ein Mann in diese Besprechung, der in nur wenigen Szenen seine schauspielerische Wandlungsfähigkeit eindrucksvoll belegt: Fritz Karl vermag es trotz der Doppelgleisigkeit seiner Rolle einem Mann Konturen zu geben, dessen Existenz nicht allein darin aufgeht, Mechanismen der Macht und Demütigung auszuleben.

Qualität der leisen Töne

Dieser Fall tritt einen weiteren Beweis dafür an, dass das Ermittlergespann Fritz Dellwo und Charlotte Sänger für Qualität im deutschen Fernsehen bürgt. Obzwar die Kommissare in dieser Geschichte keinesfalls die Szenerie bestimmen, bilden sie ein Gespann, das gerade durch die leisen Töne an Bedeutung gewinnt, und dem "Tatort"-Publikum hoffentlich noch sehr lange erhalten bleiben wird.

Jürgen Heimlich


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