
- Hannu Salonen, Bild: MDR
Ist der „Tatort: Der vierte Mann“ Ihr erster Krimi?
Im Grunde genommen war „Der vierte Mann“ der erste Krimi, den ich realisieren konnte. Hierzu gab es schon mehrere Anläufe im Kinobereich in der Vergangenheit.
Seit eh und je beschäftigte ich mich mit den Genres Krimi und Thriller, und klar ist, dass meine eigentliche filmische Heimat dort liegt, obwohl ich erst jetzt dazu kam, einen zu drehen.
Worin unterscheiden sich für Sie die Dreharbeiten zu einem Krimi von anderen Filmen?
Die eigentlichen Dreharbeiten ui einem Krimi unterscheiden sich nicht oder kaum von den Dreharbeiten zu anderen Filmen. Dieselben Grundsätze, was die Wahrhaftigkeit der Figuren oder die Logik ihrer Handlungen betrifft, gelten hier genau so. Der Unterschied liegt in der filmischen Erzählweise, und da gibt es wiederum relativ große Unterschiede. Eine Komödie bleibt meistens bei Ihren Figuren.
Ein Krimi kann sozusagen „wegspringen“, weg von den Figuren, geführt von der Kamera in andere Sphären, die Gefahr und Bedrohung suggerieren und Informationen auslassen. Was ich bei diesem Genre liebe, ist eben die Möglichkeit, mit wechselnden Erzählperspektiven Spannung zu erzeugen. Allein in einer beiläufigen Beobachtung liegt eine ungeheure Kraft. Im besten Fall kreiert ein Krimi einen atmosphärischen Sog, der nicht nur von der Story ausgeht, sondern von etwas, was wir nicht aussprechen können. Es ist das Latente, etwas, was hinter den Kulissen ist. Das macht letztlich den Kitzel aus, die Suggestion. Und aus Suggestion bestehen die besten Krimis.
Worin lag für Sie der Reiz, einmal ein so klassisches Format wie „Tatort“ zu drehen?
„Tatort“ ist für mich eines der attraktivsten Formate im Fernsehen, wenn nicht glatt das attraktivste. Es gibt eine feste Fan-Gemeinde, die über Jahre gewachsen ist. Es gibt einen sehr guten Sendeplatz, den alle kennen. Ein wenig verallgemeinernd könnte ich sagen, dass die Deutschen mit „Tatort“ aufgewachsen sind. Was außerdem für mich als Regisseur interessant ist, ist die Tatsache, dass „Tatort“ eben eine Reihe ist. Das hat große Vorteile.
Inwiefern?
Die Zuschauer kennen die Hauptakteure bereits. Man muss nicht so viel erklären. Vieles ist schon da, wie ein Kosmos, der schon geschaffen ist, und als Regisseur steigt man einfach ein.
Kann sich dieser Kosmos nicht auch als „Hemmschuh“ erweisen?
Ich empfinde einen solchen bereits existierenden Rahmen als sehr befreiend. Für einen Regisseur wie mich, als Genreliebhaber sozusagen, ist es eine dankbare Aufgabe, einen „Tatort“ zu drehen. Die Produktionsbedingungen sind zwar extrem hart, weil es wegen der weiter steigenden Produktionskosten immer weniger Zeit für das eigentliche Produkt gibt. Das ist schade, denn letztlich wird sich diese Tendenz in der Qualität niederschlagen müssen. Trotzdem gilt: Für einen „Tatort“ bekommt man meistens 1A-Schauspieler, weil es ein hoch angesehenes Format ist. Außerdem werden beim „Tatort“ noch Dinge erzählt, die im deutschen Fernsehen sonst nicht unbedingt vorkommen. Für einen Regisseur ist die Frage der Besetzung entscheidend – ein guter Film lebt immer von guten Schauspielern. In der Vorproduktionsphase eines „Tatort“ führt man weniger Diskussionen wegen der äußeren „Qualitäten“ einer/s Schauspielerin/ers, viel mehr geht es darum, die richtigen Leute zu finden, mit der richtigen Portion Ausstrahlung und Können. Hier wird also bei weitem nicht so viel „glattgebügelt“ wie bei vielen anderen Fernsehformaten, davon abgesehen, ob es sich um öffentlich-rechtliche oder private Sender handelt.
Erkennt man Ihre spezielle Handschrift in diesem Krimi?
Ich glaube durchaus, dass es in diesem Film etwas gibt, was ihn zu einem Film aus meiner „Feder“ macht. Allerdings kann ich nicht ganz definieren, was es genau ist. Mir persönlich war es wichtig, eine Leichtigkeit zu schaffen, ohne dabei die Suspense-Elemente des Krimis außer Acht zu lassen. Dieser „Tatort“ hat komödiantische Elemente, die durch die Figur Harry, der von Jürgen Vogel hervorragend gespielt wurde, zustande kommen. Harrys Figur verlieh dem ganzen Film seinen Duktus. Darüber hinaus war es mir von großer Bedeutung, meine Figuren liebevoll zu behandeln – dass man sie respektvoll unter die Lupe nimmt und genau hinschaut, was sie als Figuren ausmacht. Das Genre darf beileibe keine Ausrede für papierdünne Figurenzeichnung sein. Vielleicht könnte man das etwas melodramatisch ausdrücken: Ich möchte, dass meine Filme etwas Menschenbejahendes haben.
Inwieweit konnten Sie eigene Ideen verwirklichen?
Meine Ideen bzw. meine „Vision“ konnte ich bei diesem Film in dem vorgegebenen Rahmen durchaus realisieren. Allerdings muss man diese Vision sehr oft sozusagen „modifizieren“, dafür sorgen allein die produktionstechnischen Bedingungen. Wir machen hier eben kein Hollywood. Kleiner bedeutet bei weitem nicht schlechter. Ganz im Gegenteil: Man muss noch kreativer werden, um mit den Möglichkeiten, die man hat, eine gute Geschichte zu erzählen. Es ist die Wahl der erzählerischen Mittel, die entscheidend ist. Was das betrifft, kam ich durchaus in den Genuss relativer Freiheit. Ich konnte jedenfalls genau den Film machen, den ich machen wollte. Deshalb hoffe ich natürlich sehr, dass der Film bei den Zuschauern gut ankommt, denn für sie allein mache ich Filme, nicht nur für die Redaktionen und auch nicht für die Kritiker.
Gibt es eine Lieblingsszene von Ihnen oder eine Szene, die besonders schwierig war?
Ich habe diesen Film wirklich ins Herz geschlossen – daher vielleicht die vielen Lieblingsszenen, die ich bei diesem Film habe. Ich hatte dabei das große Glück, mit sehr guten Schauspielern zusammen arbeiten zu dürfen. Ich genieße es noch heute – genauso wie bei den Dreharbeiten – ihnen beim Spiel zuzuschauen. Es ist ein schönes Gefühl. Bei diesem Film überkommt mich der Drang alles noch einmal drehen zu wollen, fast überhaupt nicht. Besonders schwierig, aber dadurch auch besonders köstlich, waren die zwei zentralen Szenen in der Wohnung der Kunsthistorikerin Florentine Bruck. Es waren zwei lange Szenen mit vielen komplizierten und subtilen Wendungen im Spiel. Kleine Nuancen, Blicke im richtigen Moment, ein Spielchen, das von den Kommissaren ausgeht. Dies ist eine inszenatorische Herausforderung, aber ich finde, es ist uns gelungen, das alles für den Zuschauer zugänglich zu machen.
Wie gut sind Sie im Mitraten bei Krimis? Wie schnell haben Sie beim Lesen des Drehbuches gewusst, „wie der Hase läuft“?
Dies war für mich ein ganz wesentlicher Punkt, bevor ich das Drehbuch als fertig akzeptierte. Bei der ersten Lektüre des Buches wusste ich nämlich auf Seite eins, wer der Mörder ist – nicht wegen irgendwelcher sagenhafter Geistesqualitäten, die ich nicht besitze, sondern allein, weil das im Buch so offensichtlich war. Es wurde natürlich dann noch am Buch herumgefeilt, und bei den Dreharbeiten haben wir uns größte Mühe gegeben, den Mörder zu kaschieren und die Wahrheit zumindest möglichst lange hinauszuzögern. Es ist eine schwierige Aufgabe, das Mitraten geschickt zu lenken, denn das Ganze ist immer in der Geschichte selbst und deren Erzählweise verankert.
Sollte man das Geheimnis zu früh lüften, sofern es überhaupt eins gibt, ist die Spannung weg. Das ist natürlich schade und sollte bei einem guten Krimi eigentlich nicht passieren. Auch hier gilt der Grundsatz: Das Nicht-Wissen ist die Mutter aller spannenden Geschichten.