Den TATORT drehte der Norddeutsche Rundfunk (NDR) im Mai/Juni 1981 in der Nähe vom spanischen Malaga, in Estepona, Casares und Puerto Banus. Schon in der Presseankündigung wurde herausgestellt, dass es sich um einen größtenteils ins Ausland verlagerten Krimi handelte. Dass der Kommissar wähend der Ermittlungen so spät auf der Bildfläche erscheinen sollte, indes nicht.
Unter besonderer Beobachtung: der Krimi "TATORT"
Diese ungewöhnliche Konstellation für einen TATORT-Film war zu großen Teil der Tatsache geschuldet, dass der Krimireihe in der öffentlichen Diskussion das Ende, der Tod, geredet wurde. Kurz nach dem die Ermittler-Darsteller Gustl Bayrhammer und Hansjörg Felmy 1980/1981 mehrfach öffentlich die Qualität der Drehbücher kritisierten und schließlich enttäuscht ihren Abschied vollzogen und einige "Skandal"-TATORTe wie
"Mit nackten Füssen" und
"Der gelbe Unterrock" ausgestrahlt wurden, geriet die 1970 gestartete Krimireihe schließlich unter die besondere Beobachtung der Presse und des Publikums. Die Einschaltquoten sanken, die Unzufriedenheit stieg. Mangelnde Qualität der Krimis und schlicht Langeweile waren die Vorwürfe, denen sich die Fernsehmacher ausgesetzt sahen.

- "Kindergeld" spielt hauptsächlich in Spanien, Bild: NDR/telepress
Bisherige NDR-Kommissare waren "Unsicherheits"-Faktoren
Schon früh reagierte der NDR - notgedrungen - auf die veränderen Vorzeichen auf dem beliebten Sendeplatz. Der Sender wich von seinem bisherigen Konzept an, die TATORTe nur mit den bisherigen Ermittlerfiguren Trimmel, Brammer und Finke zu erzählen. Die Zusammenarbeit mit dem Trimmel-Darsteller Walter Richter war aufgrund seines hohen Alters und Gesundheitszustand eh immer unsicherer geworden und fand nur noch in großen zeitlichen Abständen statt; auch Finke-Darsteller Schwarzkopf wollte nach seinem letzten Fall "
Himmelfahrt" nur noch Drehbücher akzeptieren, in denen er auch ausreichend Platz als Kommissarsfigur fand - und Knut Hinz, der Lampenfieber-geplagte Darsteller des Kommissars Brammer musste schon bei "
Alles umsonst" kurzfristig wegen eines Theaterengagements durch einen anderen Kommissar - dargestellt von Diether Krebs - ersetzt werden.

- Kommissar Piper war in "Kindergeld" kaum zu sehen, Bild: NDR/telepress
Auf zu neuen Wegen
Die unsichere Zusammenarbeit mit den bisherigen Darstellern bewog den NDR, sich anderen Figuren- und Krimikonstellationen zuzuwenden. Zugleich ließ der damalige NDR-TATORT-Redakteur Rüdiger Humpert mehrfach verlauten, er wolle mehr auf interessante Geschichten achten - und weniger auf die Kommissarfiguren. Den Anfang machten die TATORTe, die nicht mehr traditionell im Morddezernat spielten, sondern beispielsweise beim MAD, dem Militärischen Abschirmdienst.
Weiter weg vom ursprünglichen TATORT-Konzept war höchstens noch der Hessische Rundfunk mit seinen beiden TATORTen "
So ein Tag" und "
Acht, Neun - aus!", die in der Polizeiwache angesiedelt waren und die Arbeit des "kleinen Polizisten" zeigen sollten. Alle anderen Sender hielten sich an das Konzept und machten keine Experimente, ließen die Strukturen ihrer Kommissariate prinzipiell unverändert - bei aller damaligen harschen Kritik.

- Szene aus "Kindergeld", Bild: NDR/telepress
Ab in die Provinz, weniger vom Ermittler
Zugleich verlegte der NDR seine TATORTe aus der Großstadt gezielt und häufiger in die norddeutsche Provinz. Mit
"Kindergeld" sogar ins Ausland.
"Kindergeld", aber auch
"Slalom", der NDR-TATORT aus dem Jahr vor dem "Spanien"-TATORT, waren Filme, in denen Redakteur Humpert den Rahmen der Krimis bewusst "sprengen" ließ. Humpert: "Das primäre muß für mich sein: die gute Geschichte. Und manchmal ist es nur ein Etikett, was man drauf setzt: Krimi!".
"Kindergeld" spielte überwiegend in Spanien
Die Maxime dürfte insbesondere auch auf
"Kindergeld" zutreffen. Der Drehbuchautor Lichtenfeld - vormals für "Klassiker" wie "
Reifezeugnis", "
Kurzschluss" oder "
Nachtfrost" verantwortlich - schrieb nun vermehrt Geschichten, in denen der Ermittler kaum vorkam, zur Nebenfigur degradiert wurde. So auch Kommissar Piper, der in diesem Fall ermitteln sollte. Wie schon im Vorgänger-TATORT "
Streifschuß" - auch von Lichtenfeld angelegt - spielte Piper die Randfigur, ermittelte kaum und war nicht mehr als ein "Beobachter" des Krimigeschehens. Aktiv beeinflusst hat dieser Kommissar in seinen Fällen kaum etwas, die Geschichte wurde durch andere Protagonisten vorangebracht.

- "So hart, so brutal war der TATORT noch nie", schrieb der GONG, Bild: GONG
Der brutalste TATORT?
Wirklich gelohnt hat sich die "Experimentierphase" für den Norddeutschen Rundfunk vermutlich nicht, wenn man nach den Einschaltquoten oder der Akzeptanz bei den Zuschauern geht. Auch und insbesondere "
Kindergeld" wurde in der Presse über die Maßen schlechtgeredet. Nachdem Ende Mai 1982 die Einschaltquote beim SFB-TATORT "
Sterben oder sterben lassen" bei unter 30% angekommen war, stürzte sich die Presse wieder auf den TATORT. "
Kindergeld" wurde zugleich als brutalster TATORT abgestempelt "So hart, so brutal war der "TATORT" noch nie", hieß es beim GONG. Die Programmzeitschrift machte Gewalt als das letzte Erfolgsrezept der TATORT-Macher aus und zeigte sich über "Kindergeld" wenig begeistert. Die selbsternannten Fernsehwächter monierten "Im neuen TATORT [...] wird nicht lange gefackelt: Messerstechereien, Schlägereien, Verfolgungsjagden zu Wasser und zu Lande. Als Erholung zwischendurch Liebesszenen, die auch nicht ohne sind".
Auch ohne Ermittler denkbar
In der Tat ist "
Kindergeld" eine abstruse spanische Groteske; eine einfache Erpressergeschichte, die unnötig auf 90 Minuten aufgebaucht wurde. Unüblich auch, dass einen Toten gibt, der aber erst nach 90 Minuten stirbt, nach einem vorausgegangenen Mordversuch - also, nachdem der Kommissar auftaucht. Ebenso ungewöhnlich ist der Auftritt des Kommissars - der taucht auch erst recht spät auf, in der 84. Minute. Der war im Prinzip sowieso überflüssig, denn die Protagonisten haben den Fall letztlich selbst gelöst, haben unter sich die Zahlung von "Kindergeld" ausgemacht. Doch ohne einen Ermittler hätten Humpert und Lichtfeld nicht das Etikett "TATORT" auf den Film drausetzen können.

- Kommissar Piper ermittelt in Spanien, Bild: NDR/telepress
Ein dufter Typ?
Unter diesem Zeitdruck schaffte Piper vermutlich auch einen Rekord unter den TATORT-Kommissaren: er löste den Fall in kürzester Zeit, salopp gesagt: er "kam, sah und löste". Und keiner kam so widerstandlos und einfach zu einer attraktiven Dienstreise wie Piper, der Kriminalrat musste sie ihm förmlich aufzwingen. Mit seiner dünnen Akte bewaffnet macht er sich während des Fluges nach Spanien gleich mit den Details des Falls vertraut, führt schnell drei Verhöre durch und kann schnell den Täter dingfest machen. Piper sprach bestes Spanisch (Volkshochschule!), zeigte sich zudem von einer sportlichen Seite und konnte den Fall zu allem Überfluss am Ende noch durch einen "einfachen Trick" lösen.
Als TATORT-Ermittler fiel er trotzdem durch: vielen Zuschauer sei er schlicht zu jung gewesen, war in einigen Zeitungsberichten von 1982 zu lesen. Ob es wirklich daran lag, dass der NDR keine Piper-TATORTe mehr produzierte, darf aber bezweifelt werden.
Fazit: Mit den vielen TATORTen aus seiner Experimentierphase hat der NDR nicht nur "exotische" Farbkleckse unter den zahlreichen TATORT-Folgen produziert; er hat auch bewiesen, dass unter dem TATORT-Label sehr vielseitige, ja ungewöhnliche Filme und Konstellationen möglich sind.
Die Reihe verträgt dies - sowohl früher als auch heute.