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Versuchsballon Glatzeder

Von 1996 bis 1998 ermittelte der popul├Ąre Schauspieler Winfried Glatzeder - bekannt aus dem DEFA-Kultfilm "Die Legende von Paul und Paula" - als Kommissar Ernst Roiter f├╝r den Berliner TATORT. Der produzierende SFB (Sender Freies Berlin) war sichtlich bem├╝ht, in dieser Ermittler-├ära stets Kriminalf├Ąlle zu erz├Ąhlen, die sich mit der Lebenswirklichkeit in Berlin zur damaligen Zeit - ein halbes Jahrzehnt nach dem Mauerfall - auseinandersetzten. So wurden beispielsweise der Bauboom am Potsdamer Platz ("Mordsgesch├Ąfte"), illegale M├╝llschiebereien zwischen Ost und West ("Buntes Wasser") oder ein Mord am Rande der Love-Parade ("Berliner Wei├če") thematisiert. Und dennoch ernteten die Roiter-TATORTe trotz passabler Einschaltquoten beinahe durchweg vernichtende Kritiken und werden heute oftmals zu den Tiefpunkten der TATORT-Reihe gez├Ąhlt. Zu Recht?

Zorowski und Roiter ermitteln, Bild: RBB

Billige Optik, verwackelte Bilder

Die Kritik bezog sich haupts├Ąchlich auf die Tatsache, dass sich der SFB entschieden hatte, seine TATORTe aus Kostengr├╝nden statt auf normalem Film- auf billigerem Videomaterial und mit der Handkamera zu drehen: Die Folge: eine billige Optik und verwackelte Bilder. Winfried Glatzeder res├╝miert hierzu in seiner Autobiographie "Paul und ich": "Das TATORT-Format wurde somit zum Versuchsballon f├╝r eine Aufnahmetechnik, mit der die Kameram├Ąnner damals noch kaum Erfahrung hatten und die letztlich so viel Zeit in Anspruch nahm, dass unter dem Strich nicht nur keine Kosten eingespart wurden, sondern mehr Geld verbraucht wurde. Drei Jahre sp├Ąter, als ich aufgeh├Ârt hatte, kehrte man wieder zur traditionellen Filmkamera zur├╝ck."

Zu den rigorosen Sparma├čnahmen beim SFB schreibt Glatzeder weiter, dass der Sender die Produktion seiner TATORTe nicht mehr selbst realisiert, sondern sie zur Ausschreibung freigegeben habe. Das preisg├╝nstigste Angebot habe dabei den Zuschlag bekommen: "Was so weit ging, dass eine der TATORT-Folgen von einem Produzenten ├╝bernommen wurde, der seine Wohnung zum Produktionsb├╝ro deklarierte, um Kosten zu sparen."

Kein Hauch von Hollywood

Die Kritik an den Roiter-TATORTen richtete sich jedoch oftmals auch auf den Inhalt der Folgen. Den Filmen wurde vorgeworfen, sie seien zu sexistisch, zu brutal oder zur wirr. Die Folge "Ein Hauch von Hollywood", die am Rande der Berlinale spielt, wurde gar auf dem damaligen ARD-Wiederholungssendeplatz zu nachtschlafender Stunde (montagabends um 23 Uhr) erstgesendet. Der Grund: die ARD-Vorbesichtigungsgruppe - bestehend aus Fernsehspielredakteuren des NDR, MDR, BR und SWF - war sich einig gewesen, dass sich der Film nicht f├╝r die Ausstrahlung auf dem Primetime-Sendeplatz am Sonntagabend eignet und verbannten ihn deshalb ins Nachtprogramm. Ein bislang einmaliges Ereignis in der langj├Ąhrigen TATORT-Geschichte. Der damalige kommissarische SFB-Fernsehdirektor Ulrich Ansch├╝tz rechtfertigte die Entscheidung mit den optimistisch formulierten Worten: "Uns ist das Experiment nicht optimal gelungen, einen Kriminalfilm zu produzieren, der sich vom traditionellen TATORT-Muster unterscheidet."

Roiter und Zorowski mit einem Mitarbeiter der Spusi, Bild: WDR/RBB/Kindermann

J├╝rgen Kellermeier vom NDR, zum damaligen Zeitpunkt noch zust├Ąndig f├╝r die TATORT-Koordination, fand dagegen klarere Worte: "Diese Folge passt nicht ins TATORT-Konzept. Wir wollen auf diesem umk├Ąmpften Sendeplatz einen gediegenen, spannenden Krimi mit den Kommissaren im Mittelpunkt." Damit war das Ende der ├ära Roiter besiegelt oder wie SFB-Rundfunkratsmitglied Christian Kneisel von der Berliner Akademie der K├╝nste nach der Ausstrahlung von "Ein Hauch von Hollywood" sagte: "Dieses Elend muss ein Ende haben. Hier sitzen offensichtlich ├╝berforderte Leute auf den falschen Positionen. Nicht alles l├Ąsst sich mit Geldmangel erkl├Ąren."

Keine Ansprechpartner in der Redaktion

Und so schreibt dann auch Winfried Glatzeder in seinen Lebenserinnerungen: "Am problematischsten (...) war f├╝r mich, dass ich in der Redaktion keinen Ansprechpartner fand, der sich f├╝r unsere Arbeit verantwortlich f├╝hlte. (...) Die von der Redaktion bestimmten Drehbuchautoren k├╝mmerten sich wenig um meine Vorstellungen. Auch waren ihre B├╝cher oft unfertig, die Plots unrealistisch und schlecht realisiert, was wir in der kurzen Vorbereitungszeit mit dem jeweiligen Regisseur vergeblich zu verbessern suchten." Schon sein Vorg├Ąnger G├╝nter Lamprecht, der von 1991 bis 1995 als Kommissar Franz Markowitz in Berlin ermittelt hatte und seine Rolle aufgab, weil er mit den Drehb├╝chern und den Produktionsbedingungen nicht mehr zufrieden war, hatte Glatzeder vor Drehbeginn prophezeit, dass er mit dem SFB sein "blaues Wunder" erleben werde.

Die Berliner Kommissare am Tatort, Bild: MDR/SFB

Dabei hatte sich Glatzeder im Vorfeld sehr auf seine Arbeit als TATORT-Kommissar gefreut. In einem Interview mit der "Berliner Zeitung" einige Monate vor Drehbeginn der ersten Folge im August 1995 erz├Ąhlte Glatzeder, dass er sich mit der Ermittlerrolle einen langgehegten Traum erf├╝lle: "Ich wollte immer mal Kommissar werden, um die Ungerechtigkeit auf dieser Welt zu lindern. Wenigstens im Film. Die Seite finde ich au├čerdem sehr spannend, weil ich Jahrzehnte auf der anderen Seite, der der Verbrecher, der Verurteilten, der T├Ąter war." Seinen Kommissar beschrieb er damals folgenderma├čen: "Ich werde keine Schublade bedienen. In jedem TATORT wird eine Eigenart der Figur betont werden, die nach langen Jahren in Frankfurt am Main ihre Stadt Berlin neu entdeckt." Angst vor einer Pleite als TATORT-Kommissar hatte Glatzeder damals nicht: "Mit dem Roiter kann ich mich gut identifizieren - ein Typ in Jeans und Lederjacke, der Motorrad statt Auto f├Ąhrt und dem weiblichen Geschlecht immer aufgeschlossen ist, ohne Bindungen zu wollen..."

Ein Ermittler in der Tradition von Luis de Fun├Ęs

R├╝ckblickend und fast zehn Jahre nach seiner TATORT-Pensionierung erinnert sich Glatzeder: "Ich habe versucht, einen Ermittler in der Tradition von Luis de Fun├Ęs oder Jacques Tati zu gestalten. Keinen zynischen TATORT-Kommissar, keinen altklugen Besserwisser, sondern einen mit menschlichen Schw├Ąchen, der die F├Ąlle mit Humor und Leidenschaft auf subversive Art l├Âst. Mit Ernst Roiter versuchte ich, eine neue Figurengestaltung im Hochglanz-Format TATORT-Krimi zu platzieren."

Die Kommissare sind kurz vor einer Festnahme, Bild: RBB

Um sich auf seine Rolle vorzubereiten, begleitete Glatzeder mehrere Wochen den Berliner Chef der 5. Mordkommission. In seiner Autobiographie schreibt er dazu: "Mich beeindruckte seine Kombinationsgabe, die ihm wichtiger war als der Gebrauch der Waffe. Er f├╝hrte seine Sechs-Mann-Truppe ruhig und bestimmt und hatte so gar nichts von einem Revolverhelden. (...) Mehrmals nahm er mich in die Pathologie mit. Diese Mischung aus s├╝├člichem Verwesungsgeruch und Desinfektionsmitteln werde ich nie vergessen."

Pers├Ânliche Spannungen

Doch neben Kritik an Optik und Inhalt soll es auch hinter den Kulissen zwischen den Schauspielern zu Streitigkeiten gekommen sein. Man f├╝hlte sich ungerecht beurteilt, dass die beabsichtigte Komik in den Dialogen zwischen Ernst Roiter und seinem Assistenten Michael Zorowski (Robinson Reichel) nicht sonderlich spontan wirkte und erst recht nicht witzig sei, f├╝hrte Glatzeder in einem Interview am Rande der Dreharbeiten zur Folge "Schl├╝ssel zum Mord" auf "pers├Ânliche Spannungen" zwischen den Darstellern zur├╝ck: "Das lassen wir eben auch in unsere Arbeit einflie├čen." Die Meinungsverschiedenheiten f├╝hrte Glatzeder auf einen "Generationenkonflikt" zwischen ihm und seinem fast zwanzig Jahre j├╝ngeren Kollegen Reichel zur├╝ck. Dieser wiederum meinte auf dieses Problem angesprochen beschwichtigend, dass es auch in der besten Ehe Auseinandersetzungen g├Ąbe.

Im November 1998 l├Âsten Winfried Glatzeder und Robinson Reichel ihren letzten TATORT-Fall. Und trotz aller angebrachten und in weiten Teilen gerechtfertigten Kritik muss gesagt werden, dass nicht alles schlecht war w├Ąhrend der Roiter-├ära. Bisweilen sind durchaus gelungene Kriminalgeschichten entstanden - beispielsweise die Folgen "Blick in den Abgrund" und "Schl├╝ssel zum Mord" oder die Krimikom├Âdie "Geld oder Leben". Wahrscheinlich war Winfried Glatzeder einfach zur falschen Zeit am falschen (TAT)-Ort - viele Zuschauer h├Ątten ihm sicherlich eine erfreulichere Zusammenarbeit mit dem SFB gew├╝nscht. Denn dass Glatzeder ein gro├čartiger Schauspieler ist, steht au├čer Frage.

Christian Rohm


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