Heute ist der: 17.05.2012.  --> Bis heute wurden 851 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt.
 

Ein Kieler Kommissar namens Finke und ein Mensch namens Klaus Schwarzkopf

Das folgende Statement von Klaus Schwarzkopf wurde 1977 in der Broschüre ARD-Fernsehspiel, Ausgabe 1, Seite 174-5 anlässlich der Ausstrahlung des TATORTs Reifezeugnis veröffentlicht.

Schwarzkopf in Kurzschluss, 1975. Bild:NDR

Keine Klischeefigur, kein Bilderbuchkommissar, kein Weihnachtsmann

"Tja, wie fing das an? Meine Agentin schickte mir das Drehbuch von "Blechschaden", dem ersten NDR-TATORT mit Kommissar Funke. Ich las das Buch und der Finke gefiel mir. Es war keine Klischeefigur, kein Bilderbuchkommissar, kein Weihnachtsmann. Er war ganz menschlich getroffen und verrante sich auch mal. Naja, und ich wußte, dass der Regisseur, also Wolfgang Petersen, noch ein sehr junger Mann war. Ich hatte seinen Abschlussfilm von der Berliner Filmhochschule im Fernsehen gesehen ("Ich werde dich töten, Wolf!") und der gefiel mir ganz gut. Mir ist ein junger, ehrgeiziger Regisseur auch lieber als ein alter Routinier.

"Was, so spielen Sie das?"

Da kann man sicher sein, dass der sich noch auf den Arsch setzt. 1970 fingen wir dann mit Blechschaden an. Ich kann mich noch erinnern, wie Petersen am Anfang fragte: "Was, so spielen Sie das?" Er war wohl etwas überrascht von meinem "unterspielen". Für mich musste die Figur Finke das Siegel des Authentischen haben: aussehen wie nicht gespielt. Keine Frage, Petersen war sofort einverstanden.

Finke hat eben was mit meiner Person zu tun, mit meiner Art

Wir haben das "unterspielen" noch gezielter eingesetzt. Von TATORT zu TATORT wurden wir sicherer. Der TATORT Jagdrevier ist ja dann fast, innerhalb des Genre Krimi, zu einem Kunstfilm geworden, da war schon eine gewisse Poesie drin. Die innere Sicherheit wuchs, und ich brauchte Finke kaum noch zu spielen. Ich wollte immer präzis die Situation treffen. Wenn ich mich innerlich verändere, würde sich das auch auf Finke auswirken. Finke hat eben was mit meiner Person zu tun, mit meiner Art.

Kein Problem mehr, Finke zu spielen

Sicher, Finke hat auch was von einer Vaterfigur, von einem guten Onkel, ohne dabei spießig zu geraten. Von Blechschaden bis heute bin ich in der Rolle ruhiger geworden, bewusster. Es ist eigentlich kein Problem mehr, Finke zu spielen, ich muss nicht in eine andere Haut schlüpfen, mir nichts anderes anziehen. Der Erfolg beim Publikum ergibt sich vielleicht aus der Ähnlichkeit, die ich mit vielen Leuten habe. Manchmal glaube ich, ich könnte mit vielen Familien irgendwie verwandt sein, der liebe Onkel halt. Aber ich will die menschliche Seite nicht hochspielen, nicht überbewerten.
Kommissar Finke ermittelt in Nachtfrost, Bild:NDR

Manchmal liegen sie im Bett und schauen mir zu

Mein Gott, überbewerten wir das nicht jetzt schon, nehmen wir uns nicht jetzt schon zu wichtig? Eigentlich weiß ich gar nicht, was die Leute so interessiert, dass man überall bestaunt und begafft wird. Ist man ein bißchen Eigentum der Leute?

Man kommt ja in ihre gute Stube hinein. Manchmal liegen sie im Bett und schauen mir zu. Am wichtigsten ist mir die Glaubwürdigkeit und der totale Verzicht auf Virtuosität. Der schauspielerische Erfolg ergibt sich dann von selbst. Ich versuche, nichts hochzudrücken, ich versuche, mich nicht auszustellen. Aber eine Art Exhibitionismus kommt doch immer dabei raus. Meine Kunst soll aus Weglassen bestehen. Und wenn man sein Handwerk gelernt hat, ist man letztlich wie Knete, man sich verändern, ohne sich selbst zu verändern. Das schauspielerische Handwerk muss von selbst funktionieren. hat es nicht mit der eigenen Person zu tun? Finke ist zwar eine Rolle, aber sie ist ja keine Kunstfigur.

Ich bin leicht umzuschmeissen, verunsichert und ängstlich

Es ist sein bekanntester TATORT: Reifezeugnis - Schwarzkopf neben Nastassja Kinski. Bild:NDR
Manchmal denke ich, man müsste noch etwas wesentlichers tun, etwas wichtigeres. Man soll ja nicht gleich wie Albert Schweitzer werden wollen, aber es muss doch dazwischen noch etwas geben. Mein Beruf erzieht sehr zur Egozentrik, man ist doch immer auf sich selbst bezogen. Eine Nabelschau ist es, man reflektiert immer, aber wer ist man eigentlich? Das ist schwer zu beantworten. Bin ich ein Kind? Ja, ich bin ein alt gewordenes Kind, das einen Teil seiner Träume verwirklicht hat. Als "erwachsen" würde ich mich nie bezeichnen. Ich bin leicht umzuschmeissen, verunsichert und ängstlich. Ich habe viel gearbeitet und habe in meinem Beruf einen sicheren Instinkt. Ja, am handwerk habe ich gefeilt, natürlich.

Mir fehlt alles, was man sonst so im Leben hat: eine Familie, ein Haus, Hunde, Pferde; ich habe nichts von dem, wovon man sagen kann, das hab ich mir geschaffen, das hab ich mir angeschafft.

Mein Gott, das ist doch alles nichts besonderes

Ich schirme mich ab, ob ich will oder nicht. Manchmal frage ich mich, habe ich überhaupt andere Menschen gebraucht? Hab ich sie je richtig rangelassen? Natürlich habe ich Liebesgeschichten gehabt, aber ich bin wohl immer etwas zurückgeschreckt vor Bindungen. Sicher gab es auch Momente in der Jugend, sich für einen anderen Menschen aufzugeben. Führt das nicht zu weit? Oder? Was meinen Sie? Mein Gott, das ist doch alles nichts besonderes. Ich bin anfällig, ja, hypochondrisch, ängstlich. Das langt doch jetzt....oder? Ja....

Mit Klaus Schwarzkopf sprach Hubert Skolud, der die Entstehung des TATORTs Reifezeugnis verfolgte. Seine Beobachtungen, Notizen und Erfahrungen erscheinen unter dem Titel "TATORT: Tatort" als Heyne Taschenbuch.


Der besseren Übersichtlichkeit sind Absätze eingefügt und durch Zwischenüberschriften getrennt. In der Originalpublikation fehlen diese.


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