Zur Startseite tatort-fundus.de
Heute ist der: 21.01.2018.
 

 

Ein Kieler Kommissar namens Finke und ein Mensch namens Klaus Schwarzkopf

Das folgende Statement von Klaus Schwarzkopf wurde 1977 in der Brosch├╝re ARD-Fernsehspiel, Ausgabe 1, Seite 174-5 anl├Ąsslich der Ausstrahlung des TATORTs Reifezeugnis ver├Âffentlicht.

Schwarzkopf in Kurzschluss, 1975. Bild:NDR

Keine Klischeefigur, kein Bilderbuchkommissar, kein Weihnachtsmann

"Tja, wie fing das an? Meine Agentin schickte mir das Drehbuch von "Blechschaden", dem ersten NDR-TATORT mit Kommissar Funke. Ich las das Buch und der Finke gefiel mir. Es war keine Klischeefigur, kein Bilderbuchkommissar, kein Weihnachtsmann. Er war ganz menschlich getroffen und verrante sich auch mal. Naja, und ich wu├čte, dass der Regisseur, also Wolfgang Petersen, noch ein sehr junger Mann war. Ich hatte seinen Abschlussfilm von der Berliner Filmhochschule im Fernsehen gesehen ("Ich werde dich t├Âten, Wolf!") und der gefiel mir ganz gut. Mir ist ein junger, ehrgeiziger Regisseur auch lieber als ein alter Routinier.

"Was, so spielen Sie das?"

Da kann man sicher sein, dass der sich noch auf den Arsch setzt. 1970 fingen wir dann mit Blechschaden an. Ich kann mich noch erinnern, wie Petersen am Anfang fragte: "Was, so spielen Sie das?" Er war wohl etwas ├╝berrascht von meinem "unterspielen". F├╝r mich musste die Figur Finke das Siegel des Authentischen haben: aussehen wie nicht gespielt. Keine Frage, Petersen war sofort einverstanden.

Finke hat eben was mit meiner Person zu tun, mit meiner Art

Wir haben das "unterspielen" noch gezielter eingesetzt. Von TATORT zu TATORT wurden wir sicherer. Der TATORT Jagdrevier ist ja dann fast, innerhalb des Genre Krimi, zu einem Kunstfilm geworden, da war schon eine gewisse Poesie drin. Die innere Sicherheit wuchs, und ich brauchte Finke kaum noch zu spielen. Ich wollte immer pr├Ązis die Situation treffen. Wenn ich mich innerlich ver├Ąndere, w├╝rde sich das auch auf Finke auswirken. Finke hat eben was mit meiner Person zu tun, mit meiner Art.

Kein Problem mehr, Finke zu spielen

Sicher, Finke hat auch was von einer Vaterfigur, von einem guten Onkel, ohne dabei spie├čig zu geraten. Von Blechschaden

Kommissar Finke ermittelt in Nachtfrost, Bild:NDR

Manchmal liegen sie im Bett und schauen mir zu

Mein Gott, ├╝berbewerten wir das nicht jetzt schon, nehmen wir uns nicht jetzt schon zu wichtig? Eigentlich wei├č ich gar nicht, was die Leute so interessiert, dass man ├╝berall bestaunt und begafft wird. Ist man ein bi├čchen Eigentum der Leute?

Man kommt ja in ihre gute Stube hinein. Manchmal liegen sie im Bett und schauen mir zu. Am wichtigsten ist mir die Glaubw├╝rdigkeit und der totale Verzicht auf Virtuosit├Ąt. Der schauspielerische Erfolg ergibt sich dann von selbst. Ich versuche, nichts hochzudr├╝cken, ich versuche, mich nicht auszustellen. Aber eine Art Exhibitionismus kommt doch immer dabei raus. Meine Kunst soll aus Weglassen bestehen. Und wenn man sein Handwerk gelernt hat, ist man letztlich wie Knete, man sich ver├Ąndern, ohne sich selbst zu ver├Ąndern. Das schauspielerische Handwerk muss von selbst funktionieren. hat es nicht mit der eigenen Person zu tun? Finke ist zwar eine Rolle, aber sie ist ja keine Kunstfigur.

Ich bin leicht umzuschmeissen, verunsichert und ├Ąngstlich

Es ist sein bekanntester TATORT: Reifezeugnis - Schwarzkopf neben Nastassja Kinski. Bild:NDR

Manchmal denke ich, man m├╝sste noch etwas wesentlichers tun, etwas wichtigeres. Man soll ja nicht gleich wie Albert Schweitzer werden wollen, aber es muss doch dazwischen noch etwas geben. Mein Beruf erzieht sehr zur Egozentrik, man ist doch immer auf sich selbst bezogen. Eine Nabelschau ist es, man reflektiert immer, aber wer ist man eigentlich? Das ist schwer zu beantworten. Bin ich ein Kind? Ja, ich bin ein alt gewordenes Kind, das einen Teil seiner Tr├Ąume verwirklicht hat. Als "erwachsen" w├╝rde ich mich nie bezeichnen. Ich bin leicht umzuschmeissen, verunsichert und ├Ąngstlich. Ich habe viel gearbeitet und habe in meinem Beruf einen sicheren Instinkt. Ja, am handwerk habe ich gefeilt, nat├╝rlich.

Mir fehlt alles, was man sonst so im Leben hat: eine Familie, ein Haus, Hunde, Pferde; ich habe nichts von dem, wovon man sagen kann, das hab ich mir geschaffen, das hab ich mir angeschafft.

Mein Gott, das ist doch alles nichts besonderes

Ich schirme mich ab, ob ich will oder nicht. Manchmal frage ich mich, habe ich ├╝berhaupt andere Menschen gebraucht? Hab ich sie je richtig rangelassen? Nat├╝rlich habe ich Liebesgeschichten gehabt, aber ich bin wohl immer etwas zur├╝ckgeschreckt vor Bindungen. Sicher gab es auch Momente in der Jugend, sich f├╝r einen anderen Menschen aufzugeben. F├╝hrt das nicht zu weit? Oder? Was meinen Sie? Mein Gott, das ist doch alles nichts besonderes. Ich bin anf├Ąllig, ja, hypochondrisch, ├Ąngstlich. Das langt doch jetzt....oder? Ja....

Mit Klaus Schwarzkopf sprach Hubert Skolud, der die Entstehung des TATORTs Reifezeugnis verfolgte. Seine Beobachtungen, Notizen und Erfahrungen sollten unter dem Titel "TATORT: Tatort" als Heyne-Taschenbuch erscheinen, was aber nicht realisiert wurde.
Der besseren ├ťbersichtlichkeit sind Abs├Ątze eingef├╝gt und durch Zwischen├╝berschriften getrennt. In der Originalpublikation fehlen diese.

 

 



BITTE SPENDEN SIE!

Bitte unterst├╝tzen Sie das private Hobbyprojekt tatort-fundus.de! Wir freuen uns ├╝ber jede Unterst├╝tzung und Anerkennung. Mit dem Geld werden prim├Ąr die laufenden Kosten des Server- Betriebs beglichen! Vielen Dank f├╝r Ihre Unterst├╝tzung!


TV-TERMINE
Alle anstehenden TV-Wiederholungen finden Sie übersichtlich gelistet

┬ę tatort-fundus 1997 - 2018
Der Tatort-Fundus ist eine Webseite f├╝r Tatort-Fans

Alle Rechte vorbehalten
Vervielf├Ąltigung der Texte, BIlder und Daten nur mit Genehmigung des tatort-fundus

Sitemap | Impressum | Disclaimer |  Diskussionsforum RanglisteUnsere Datenschutzerkl├Ąrung 

Alle inhaltlichen Fragen richten Sie bitte an frage(at)tatort-media.de 
Bei technischen Problemen bitte Nachricht an webmaster(at)tatort-media.de
Diese Website nutzt das Content-Management-System TYPO3