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TATORT-Tour in Berlin

„Jeder Regisseur hat kapiert, dass er mindestens ein Bauwerk zeigen muss"

TATORT Berlin, mitten im Herzen der Stadt im ARD-Infocenter in der Wilhelmstraße am Reichstagufer. Nebenan fließt die Spree, ganz in der Nähe befinden sich das Reichstagsgebäude und andere Zentren der Bundespolitik: Trotz des ungemütlichen November-Wetters haben sich fünf TATORT-Fans auf den Weg gemacht, um während einer dreieinhalbstündigen Stadtführung die Drehorte des Berliner Folgen zu erkunden.

Auf dem Weg zum nächsten TATORT: TATORT-Fans warten auf die U-Bahn. Bild: Tobias Goltz

Es ist ein bunt zusammen gewürfelter Haufen, der gemeinsam auf Spurensuche gehen wird, um mehr über die TAT-Orte der kontrastreichen Berliner Ermittler Till Ritter und Felix Stark (gespielt von Dominic Raacke und Boris Aljinovic) zu erfahren. Nur eines fällt auf: Zu den Teilnehmern gehören ausschließlich Frauen mittleren Alters, bis auf den Schreiber dieses Artikels. Darunter eine Kindergärtnerin, eine Event-Managerin und eine Anwältin. Alles eingefleischte TATORT-Fans. „Sonntagabends machen wir uns was Schönes zu essen und dann wird TATORT geguckt. Es weiß mittlerweile jeder, dass er mich zu dieser Zeit nicht anzurufen braucht“, erklärt die 38-jährige Birthe Obst ihre Leidenschaft für den ARD-Dauerbrenner. Wie umfangreich die Hintergrundinfos sein werden, die sie bei dieser Führung bekommen werden, wissen die Teilnehmer zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Es folgt ein Streifzug durch die Berliner TATORT- und Bauwerks-Historie.

„Die Schauplätze lassen sich gut lokalisieren“

Stadtführer Ralph Hoppe gibt Auskunft darüber, warum so eine Führung überhaupt ins Programm genommen wurde: „Im Berliner TATORT sieht man jedes Mal etwas von der Stadt, insbesondere bekannte Bauwerke werden gerne ins Bild gerückt. Die Schauplätze lassen sich gut lokalisieren. Das kann man zudem gut mit Verweisen auf die Stadtgeschichte und die Berliner Baukunst verbinden.“

Das Spreeufer. Links das ARD-Hauptstadtstudio, hinten der Reichstag. Bild: Tobias Goltz

Los geht’s mit einem kurzen Zusammenschnitt aus den 14 bisher ausgestrahlten TATORT-Folgen mit dem Ermittlerduo Ritter/Stark. Anschließend beginnt der Fußmarsch Richtung Reichstag. Hoppe erklärt: „Wer hier in diesem Bereich einen Film machen will, braucht eine Drehgenehmigung, das ist kein öffentliches Gelände.“ Im Reichstag sind Filmaufnahmen hingegen grundsätzlich der politischen Berichterstattung vorbehalten. Selbst Tom Cruise wurde für „Mission Impossible 3“ kein Zutritt gewährt, denn: „Die Würde des Hauses soll erhalten bleiben“. Im TATORT wurde das Thema Bundespolitik lange Zeit gänzlich ausgespart: Erst mit der Folge „Eine ehrliche Haut“ wurde 2004 dieses Thema aufgegriffen. Es gibt Szenenbilder zu sehen, auch die Filmstory um den Politiker Manfred Körner, der einen auf der Straße liegenden Menschen überfährt, wird kurz rekonstruiert.

Immer wieder hohe Gebäude

Der Weg der Tour führt vom Reichstag zur Akademie der Künste, von dort über den Pariser Platz unter dem Brandenburger Tor hindurch. Eine weitere Station ist der Bahnhof Friedrichstraße.

Schauplatz des TATORTs: „Dschungelbrüder“: Das 25-stöckige Internationale Handelszentrum an der Friedrichstraße. Bild: Tobias Goltz

Auf dem Bahnhofsvorplatz wurden hier diejenigen Szenen aus dem TATORT: „Leiden wie ein Tier“ gedreht, wo Tiere eingefangen und mit einem Transporter abtransportiert werden. Auch den Bahnsteig erkennt man anschließend als Schauplatz wieder: Ein Szenenbild beweist, dass die Ermittlungen auch Till Ritter hierher geführt haben. „Das Verkehrsnetz mit S- und U-Bahn ist etwas sehr Typisches für Berlin. Im Film ist das oft ein guter Hinweis auf diese Stadt.“


Krasser Kontrast zwischen Drehort und Handlungsort im Film

Der krasse Kontrast zwischen ausgewählten Drehorten und den Handlungsorten im Film wird mit der Zeit immer wieder deutlich: Im TATORT: „Kunstfehler“ begegnet Till Ritter einer ehemaligen Verflossenen, die in einer Villa am Stadtrand in Berlin-Grunewald wohnt. Zum Joggen trifft man sich jedoch in Berlin-Mitte – eher unlogisch. Schnell wird klar, dass man überhaupt keine Chance hat, auf die gleiche Art und Weise wie Ritter und Stark von A nach B zu kommen. „Manchmal kriege ich eine Krise, wenn ich das durch meine Berliner Brille betrachte“, so Hoppe.

Mit der S-Bahn geht’s zum Alexanderplatz, wo neben Infos zu Drehorten, auch Kommissar Markowitz-Darsteller Günter Lamprecht ins Spiel gebracht wird. In der 14-teiligen Fassbinder-Verfilmung des bekannten Romans „Berlin Alexanderplatz“ von Alfred Döblin spielte er Franz Biberkopf, die Hauptfigur.

Das Kottbusser Tor in Kreuzberg: Ein „kriminalitätsbelasteter Ort“. Bild: Tobias Goltz

Vom Westen sieht man kaum etwas

„Die meisten Szenen werden mittlerweile hier in der Gegend in Berlin-Mitte gedreht. Damit der letzte Depp kapiert, dass dieser TATORT aus Berlin kommt.“ Daher wird immer mindestens ein bekanntes Bauwerk ins Bild gerückt. „Jeder Regisseur hat mittlerweile kapiert, dass er da nicht drum herum kommt.“ Also radelt Till Ritter schon mal durchs Brandenburger Tor, ohne dass es für den Film eine Rolle spielt. Von der City im Westen sieht man hingegen kaum etwas. „Wann ist denn mal die Gedächtniskirche am Kurfürstendamm zu sehen?“

Die Route führt nach Kreuzberg zum Kottbusser Tor: Plötzlich befindet man sich dort, wo im TATORT: „Der vierte Mann“ Jürgen Vogel alias Harry Wolter auf dem Weg zur Wohnung seiner Freundin entlang läuft. Im Drehbuch selbst wurde Wedding als Drehort vorgeschlagen. Gedreht wurde schlussendlich an diesem „kriminalitätsbelasteten Ort“, ohne dass diese Gegend im Film näher charakterisiert wird. Die Filmstory wird durch das Vorlesen eines Drehbuchauszugs zurück ins Gedächtnis geholt. Es macht klick: „Ach, das war der TATORT, in dem es um die Beutekunst geht.

Stadtführer Ralph Hoppe zeigt ein Szenenbild aus dem TATORT: „Eine ehrliche Haut“. Bild: Tobias Goltz

„Berlin ganz neu kennen gelernt“

Mit der U-Bahn geht es zur letzten Station, dem Ludwig-Erhard-Haus in der Nähe vom Zoologischen Garten. Hier befindet sich das im Film gezeigte Kommissariat, da das echte Polizeipräsidium für Filmaufnahmen nicht zur Verfügung steht. Schließlich darf die Arbeit der echten Kriminaler nicht behindert werden. Warum die Führung ausgerechnet hier endet? „Weil der Stadtführer gegenüber wohnt“, wird scherzhaft vermutet.

Doch es verhält sich anders: „Weil sich so wenige Drehorte im Westen Berlins befinden, wollte ich Ihnen diesen wichtigen Drehort nicht vorenthalten. Ich habe auch schon gesehen, wie TATORT-Fans die Tränen gekommen sind, weil sie endlich wussten, wo sich das im Film gezeigte Kommissariat befindet. Das ist mir die Sache wert“, sagt Stadtführer Ralph Hoppe schmunzelnd.

Er outet sich am Ende jedoch eher als Fan der Krimireihe „Der Staatsanwalt hat das Wort“ und des „Polizeiruf 110“: Vor allem den älteren Folgen kann er eine Menge abgewinnen. „Da lernt man was über unser Land, weil – anders als beim TATORT – den Themen mehr Raum gegeben wird.“ Zu Figuren wie Schimanski hätte er als jemand, der in der DDR aufgewachsen ist, nie einen Bezug gehabt: „Der berührt mich nicht.“

Eine Teilnehmerin resümmiert: „Es war interessant an Ecken zu kommen, wo ich noch nicht war. Ich habe Berlin ganz neu kennen gelernt. Und dann der Bezug zu den Drehorten: Das war schon spannend.“

S-Bahnhof Friedrichstraße: Auch Komissar Till Ritter führten die Ermittlungen hierher. Bild: Tobias Goltz

Fazit

Ein TATORT-Event von höchster Qualität: Überaus informativ und unterhaltsam. Hochkompetenter Stadtführer, nette Atmosphäre. Es bleibt genug Zeit und Raum für einen Austausch mit anderen TATORT-Fans. S-Bahnhof Friedrichstraße: Auch Komissar Till Ritter führten die Ermittlungen hierher.

Vermisst hat man lediglich die angekündigten Pralinés, die den Teilnehmern passend zum Titel der TATORT-Folge „Zartbitterschokolade“ serviert werden sollten. Auf jeden Fall empfehlenswert – für Berliner und Touristen gleichermaßen. Einzige Voraussetzung: Ein Mindestmaß an TATORT-Interesse und –kenntnis sollte vorhanden sein, um Bezüge herstellen und Drehorte wieder erkennen zu können. Und ein Muss für echte TATORT-Fans, die sich diese Stadtführung der besonderen Art für einen ihrer nächsten Besuche in der Hauptstadt vornehmen sollten.


Tobias Goltz / November 2006
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